Hand aufs Herz: Wer von uns hat noch nicht in einem Refinement gesessen, in dem 20 Minuten darüber gestritten wurde, ob eine User Story eine „3“ oder eine „5“ ist? Am Ende rauchen die Köpfe, aber das Ticket ist immer noch nicht verstanden.
Dieser Streit lässt sich vermeiden, um 2 Punkte mehr oder weniger, geht es bei der Schätzung nämlich nicht
Heute zeige ich dir eine Übung, mit der du dieses Problem in einer Stunde weglachst: Das Obstsalat-Spiel. Es ist das perfekte Werkzeug, um Story Points, Magic Estimation und die magische Kunst der MVP-Definition zu vermitteln.
Die Zutatenliste
- Ein paar Sets Planning-Pokerkarten (Ich habe meist ein Set für 4 Personen dabei und picke mir 4 Freiwillige für die erste Runde heraus)
- Post-its (Idealerweise schon mit ein paar Früchten vorbereitet => Siehe unten)
- Stifte
- Eine leere Wand (oder ein digitales Whiteboard)
- Eine ordentliche Portion Humor
Phase 1: Die Bananen-Referenz (Der Anker)
Wir starten ohne langes Vorgeplänkel. Ich klebe ein Post-it mit dem Wort „Banane“ an die Wand und verkünde mit der Autorität eines Obsthändlers:
„Leute, das hier ist unsere Referenz. Eine Banane hat bei uns genau 3 Punkte. Warum? Weil ich das sage. Akzeptiert es als das universelle Gesetz der Frucht-Metrik.“
Der Clou: Wir brauchen einen Fixpunkt, um relative Schätzungen überhaupt erst möglich zu machen.
Erstes Learning: Nun da ihr wisst, dass eine Banane eine 3 ist die erste Frage: Wie können wir die Storypoint Velocity von Teams vergleichen? Genau: Garnicht! Mal wurde in einem Team als erster Fixpunkt eine Weintraube genommen, mal sagt ein Team eine Banane ist eine 8. Die reine Zahl hat keine Aussagekraft, vor allem nicht, wenn ich auf mehrere Teams Parallel schaue!
Phase 2: Der Apfel-Fallstrick (Planning Poker)
Jetzt wird es ernst. Ich verteile die Pokerkarten und werfe das nächste Item in den Raum: „Ein Apfel“.
„Eins, zwei, drei – Showdown!“
Plötzlich passiert genau das, was wir im Refinement provozieren wollen: Die Diskussion geht los.
- „Ein Apfel ist kleiner als eine Banane, also eine 2!“
- „Moment mal, muss der geschält werden? Wenn ich den schälen und entkernen muss, ist das mehr Aufwand als die Banane. Das ist eine 5!“
- „Ist es ein Bio-Apfel oder einer mit Wachsschicht?“
Das Learning: Es geht beim Schätzen nie um die Zahl. Es geht um das gemeinsame Verständnis der Arbeit. Die Zahl an der Wand ist nur das Nebenprodukt einer guten Unterhaltung.
Wir wiederholen das Spiel mit 5 Weintrauben (Spoiler: wenig Aufwand, aber viele kleinteilige Handgriffe) und einer Orange. Spätestens bei der Orange kommen die Profi-Fragen: „Muss die filetiert sein? Wie groß ist sie?“. Glückwunsch, dein Team fängt an, wie Product Owner zu denken.
Zweites Learning: Das sekundäre Ergebniss einer Schätzung ist die Schätzung! Primär ist die Kommunikation und der gemeinsame Erkenntnissgewinn
Drittes Learning: Wenn wir im Refinement einer Orange entdecken, dass wir diese auf 3 Arten zubereiten könnten, drängt sich ein Storyschnitt geradezu auf. Version 1: Orange geschält und geteilt, Version 2: Orange zudem entkernt, Version 3: Orange zudem filetiert
Phase 3: Der Speedrun (Magic Estimation)
Nachdem wir die Diskussionskultur etabliert haben, schalten wir einen Gang höher. Wir haben noch 30 weitere Früchte (Kiwi, Drachenfrucht, Physalis, Mango, Rambutan (Rambutan? Ja! Rambutan)…) und keine Zeit für endlose Debatten.
Modus: Magic Estimation (Silent Mode)
- Ich drücke einem Teilnehmer eine Frucht in die Hand. Er schätzt sie ein und klebt sie an die Wand.
- Der Nächste darf entweder eine neue Frucht platzieren oder eine bereits hängende Frucht umhängen (wenn er meint, die Melone ist doch aufwendiger als die Ananas).
- Fast Mode: In der letzten Runde verteile ich alle restlichen Früchte. Jetzt wird nur noch geschoben, bis die Sortierung an der Wand für alle stimmig wirkt. Sind alle Früchte verteilt, darf danach nochmal für 2 Minuten verschoben werden
Das Learning: Wir können verdammt schnell sein, wenn wir uns auf das Wesentliche konzentrieren: Den Vergleich. „Ist X schwerer als Y?“ reicht oft völlig aus, um ein ganzes Backlog zu sortieren.
Viertes Learning: In einer Magic Estimation (Im Gegensatz zum Planning Poker) geht es tatsächlich primär um die Schätzung und nur Sekundär um den Wissenszugewinn
Phase 4: Vom Obstkorb zum MVP
Jetzt haben wir eine wunderbar sortierte Wand voller Punkte. Aber was fangen wir damit an? Wir wollen ja keinen Obstladen eröffnen, sondern ein Produkt liefern.
Die Aufgabe: „Definiert mir ein MVP (Minimum Viable Product) für einen Fruchtsalat.“ Die Randbedingungen: Wir brauchen eine gewisse Säure und mindestens zwei verschiedene Farben.
Das Team kombiniert nun:
- Die Banane (3 Punkte, gelb).
- Die 5 Weintrauben (2 Punkte, grün/blau).
- Und für die Säure? Anstatt die aufwendige Zitrone (schälen, pressen, 5 Punkte) zu nehmen, entscheidet sich das Team für den Zitronenquetscher aus der Plastikflasche (0,5 Punkte).
Bäm! Wir haben ein funktionsfähiges, wertvolles Produkt mit minimalem Aufwand.
Fünftes Learning: Ein MVP sollte nie „95% aller Wünsche des Kunden“ darstellen, sondern die erste, günstigste Variante, die uns einen Mehrwert und Nutzen stiftet. Das ist oft deutlich weniger als man inital erwartet
Phase 5: Versionierung & Forecasting
Sobald das MVP steht, kommen die Ausbaustufen fast von selbst.
- Version 2: Echter Fruchtsalat! Mindestens 4 Früchte, keine Plastik-Zitrone mehr, sondern frische Limetten.
- Version 3 (Die Luxus-Variante): Jetzt kommen die Exoten. Granatapfel (entkernen dauert ewig!), Drachenfrucht und vielleicht ein Minzblatt-Deko-Sprint.
Da wir nun wissen, wie viele Punkte unser Team pro „Küchen-Sprint“ schafft (Velocity), können wir plötzlich vorhersagen: „Hey PO, der Granatapfel-Salat wird erst in Sprint 3 fertig, wenn wir mit dem MVP in Sprint 1 starten.“
Forecasting, ganz ohne Mathe-Trauma.
Sechstes Learning: Hat man mal die erste Version live und hat der Nutzer verstanden wie wir arbeiten, werden die Folgeversionen ein Kinderspiel
Fazit: Warum das Ganze?
Dieses Spiel nimmt den Druck vom Thema „Schätzen“. Es zeigt, dass Story Points keine Stunden sind, sondern ein Maß für Komplexität und Aufwand im Vergleich zu anderen Aufgaben.
Wenn dein Team das nächste Mal über ein Ticket streitet, frag sie einfach: „Ist das gerade ein Apfel oder eine Orange?“ Meistens löst das den Knoten schneller als jede Excel-Tabelle.
Viel Spaß beim Schnippeln!