Kennt ihr das? Ihr startet ein Training, stellt euch mühsam vor, geht die Agenda durch – und die Hälfte der Teilnehmenden ist gedanklich noch beim letzten Meeting. Ich mache das anders. Ich starte direkt mit einem „Notfall“.
Das Seestern-Spiel ist mein absoluter Favorit, um das Prinzip der Empirie (Plan-Do-Check-Act) physisch spürbar zu machen, noch bevor wir über Scrum, Rollen oder Backlogs sprechen. Es eignet sich hervorragend als Ankerpunkt, um später auf die Stacey-Matrix oder das Cynefin-Framework zu referenzieren.

Die Story: „Ich hätte fast abgesagt…“
Ich beginne das Training leicht theatralisch und ohne Vorwarnung:
„Leute, es tut mir furchtbar leid, ich dachte eigentlich, ich müsste heute absagen. Ich habe parallel einen Auftrag vom Zoodirektor der Wilhelma bekommen. Er braucht dringend 2-3 Seesterne für ein neues Becken. Ich hab zwar keine Ahnung von Agilität, aber man hat mir gesagt, das macht man in Iterationen. Also bauen wir die jetzt einfach kurz zusammen, okay?“
Der detaillierte Ablauf
1. Das Briefing am Flipchart
Ich zeige ein Flipchart, auf dem ein Seestern skizziert ist. Der entscheidende Hinweis: Die zwei Enden des Seestern-Umrisses sind auf der Zeichnung unverbunden. Ich erwähne das nicht aktiv – wer genau hinschaut, erkennt die „Anforderung“.
- Gruppenbildung: Teams von 4 bis 7 Personen.
- Fragerunde: Meist kommt sofort: „Womit bauen wir das?“. Erst jetzt zeige ich die vorbereiteten bunten Seile, behalte sie aber bei mir.
2. Iteration 1: Die unsichtbare Hürde
- Planung (2 Min.): Die Teams müssen den Raum verlassen, um draußen zu planen.
- Die Sabotage: Während sie draußen sind, mache ich je zwei Knoten und eine Schlaufe in jedes Seil und verstecke sie im Raum (unter Tischen, hinter Vorhängen).
- Die Umsetzung (2 Min.): Die Teams kommen mit Augenbinden zurück. Sie müssen blind das Seil finden und den Stern formen.
- Ergebnis: Meistens gibt es kein Ergebnis, da sie das Seil im Raum nicht einmal finden.
3. Iteration 2 & 3: Die Lernkurve
- Ab jetzt dürfen die Teams in der Planung das Seil sehen (aber nicht berühren).
- Sie entdecken die Knoten („Altlasten“) und das Versteck.
- In der Umsetzung (wieder blind) werden die Ergebnisse von Mal zu Mal besser.
4. Das plötzliche Ende
Normalerweise kündige ich 4 Iterationen an. In der dritten Runde täusche ich jedoch einen Telefonanruf vor:
„Stopp! Der Zoodirektor hat die Deadline nach vorne verlegt. Wir müssen sofort abliefern!“
Nur wenn das Team nach Runde 3 noch völlig demotiviert ist, gewähre ich die vierte Iteration.
Das Debriefing: Komplexität reflektieren
Nach der Übung nutzen wir das Erlebte für die Theorie. Auf dem „Seestern Outro“-Flipchart sammeln wir die Erkenntnisse:
- Was war „Komplex“? Nachträgliche, unbekannte Herausforderungen (Knoten), unklare Erwartungshaltung des Auftraggebers, fehlende Sicht.
- Was hat geholfen? Brainstorming, Kommunikation, regelmäßige Planung, Feedback durch den Auftraggeber und die Lernkurve durch Iterationen.
- Wasserfall-Vergleich: „Angenommen, wir hätten konventionell gearbeitet (8 Min. Planung, 8 Min. Bauzeit) – wie hätte das Ergebnis ausgesehen?“
- Erkenntnis: Wahrscheinlich hätten wir gar kein Ergebnis, weil das Seil im Versteck nie eingeplant worden wäre und die 4 Minuten Umsetzungszeit am Ende fehlen würden.
Checkliste für deine Moderations-Box
Damit du direkt loslegen kannst, hier die „Einkaufsliste“:
- [ ] Bunte Seile: Pro Gruppe ein Seil (ca. 5-10 Meter lang).
- [ ] Augenbinden: Genug für alle Teilnehmenden (Schlafmasken oder Buffs).
- [ ] Timer: Große Anzeige für die 2-Minuten-Takte.
- [ ] Flipcharts: – [ ] Vorlage mit dem „offenen“ Seestern.
- [ ] Debriefing-Chart (Vorbereitet mit den Fragen: Komplexität? Hilfe? Wasserfall-Vergleich?).
- [ ] Smartphone: Für den „Anruf“ des Zoodirektors.
- [ ] Moderationsmarker: In verschiedenen Farben.